Beziehungen in der Krise? Wie lange hält unsere Liebe?
Der Spiegel hat vor Kurzem* eine Umfrage unter jungen Deutschen veröffentlicht und damit das Porträt einer “Generation Krise” gezeichnet. Diese Generation – meine Generation – ist laut Spiegel geprägt von Unsicherheit, Angst und den grossen Krisen der letzten Jahre.
Aus Sicht des Spiegel-Artikels zum Thema bestimmt dieses Krisengefühl auch das Beziehungsleben dieser Generation. Sind unsere Beziehungen in der Krise? Die Umfrageergebnisse bestätigen diesen Eindruck nur teilweise:
- Über die Hälfte der Befragten Deutschen im Alter von 20-35 sind Mitglieder in sozialen Netzwerken – fast 90% davon, weil sie alte Bekannte wieder finden möchte. Dieser Wunsch, Beziehungen zu pflegen – auch über Zeit und Raum hinaus – zeugt von Stabilitätswünschen.
- Über ein Drittel fragt Google, um etwas über neue Bekanntschaften zu erfahren. Vielleicht ist das Misstrauen gegenüber Fremden gestiegen? Oder wir sind einfach neugierig.
- Das “Wichtigste im Leben” ist für 44% die Familie, für 11% Liebe, 10% Freundschaft (Spaß, Geld, Karriere und andere liegen weit abgeschlagen auf den letzten Plätzen). Die Tatsache, dass Liebe und Freunde fast gleich wichtig eingestuft werden, zeigt zwar, dass Paarbeziehungen nicht mehr ganz so hoch geschätzt werden. Dafür bleibt die Familie das wichtigste.
- So schlecht kann es um Beziehungen aber gar nicht stehen, wenn über die Hälfte der jungen deutschen verheiratet (34%) oder in einer festen Beziehung (30%) sind. 70% wollen irgendwann mal heiraten. Wie lange hält unsere Liebe? Das steht auf einem anderen Blatt Die meisten lassen sich also immer noch auf das Abenteuer Beziehung ein, auch wenn es ausreichend andere Lebensentwürfe zur Auswahl gibt.
- Wie lange hält unsere Liebe? Immerhin glauben noch über die Hälfte daran, dass ihre Beziehung für immer halten wird. Angesichts der Scheidungsraten ist das doch ein beneidenswerter Optimismus.
- 52% hatten schon einmal eine Fernbeziehung. Klar, das macht das Leben weniger beständig. Andererseits muss man sich für eine Fernbeziehung viel stärker einsetzen und härter dafür arbeiten.
- Nur 16% sind schon mal fremdgegangen. Das ist wenig, oder? Und zeugt nicht gerade von Beziehungen in der Krise.
- Dafür versuchen 24% herauszufinden, ob der Partner fremdgeht, zum Beispiel durch überprüfen von SMS, Emails und Mailbox. Das zeugt zwar von Unsicherheit, aber Eifersucht gab es vermutlich auch bei den 68ern.
So überzeugend das Argument von der Generation Krise sein mag, kann man die Daten auch anders bewerten. Statt Unsicherheit und Angst sehe ich Flexibilität und Realismus. Heirat und Kinder sind eine freie Wahl, kein Zwang – genauso wie die eventuell folgende Scheidung, zweite Ehe, Patchworkfamilie…
*die Ausgabe ist zwar 2 Monate alt, aber ein Generationenporträt behält wohl etwas länger seine Gültigkeit.
